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Der
Brandstifter
John C. G. Röhl
über den verhängnisvollen Größenwahn des jungen Kaiser Wilhelm
II.
Von
Roland
Detsch
Er
gilt als Hansdampf der deutschen Geschichte. Zu Unrecht! Vorbei sind
die Zeiten, in denen Kaiser Wilhelm II., von der
Geschichtswissenschaft zum harmlosen Spinner und Maulhelden
degradiert, quasi apologetische Narrenfreiheit genoss. Entgegen dem
Mainstream macht John C. G. Röhl im zweiten Band seiner monumentalen
Biografie Wilhelm II. Der Aufbau der Persönlichen Monarchie
den letzten Herrscher der Hohenzollern auf dem Thron von Preußen
und dem Deutschen Reich zur entscheidenden Schlüsselfigur auf dem
fatalen Weg von Bismarck zu Hitler.
Der deutsch-britische
Historiker analysiert auf fast 1.200 Seiten (zzgl. Anhang) das
"desaströse politische Wirken" des jungen Kaisers, dessen
Monarchenideologie sich innenpolitisch in der Verherrlichung von
Militär, protestantischer Kirche und Adel sowie in der Verachtung für
Zivilisten, Parlamentarismus, Linksliberale, Sozialdemokraten,
Katholiken und Juden äußerte, außenpolitisch in einem verhängnisvollen
Streben nach einem weltpolitschen "Platz an der Sonne" für
sein Reich.
Der Professor für
Neuere europäische Geschichte an der Universität Sussex zeigt, wie
es Wilhelm verstand, zielstrebig die Bismarck-Herrschaft zu
unterminieren, beseelt von der anachronistischen Idee seines
Gottesgnadentums und entschlossen, die enorme ererbte Machtfülle
der preußisch-deutschen Militärmonarchie nach dem Motto "sic
volo sic iubeo, suprema lex regis voluntas" voll auszuschöpfen
und die Richtlinien der Politik selbst zu bestimmen. Er führt
ferner den überzeugenden Nachweis, dass es einzig und allein den
waghalsigen außenpolitischen Manövern des Kaisers zu verdanken
war, dass das Deutsche Reich in den Augen sämtlicher seiner späteren
Kriegsgegner schon um die Jahrhundertwende zum unberechenbaren,
"bösartigen Schurkenstaat" auf der Weltbühne mutierte.
Die politischen
Eskapaden Wilhelms, insbesondere sein von Minderwertigkeitskomplexen
gegenüber der übermächtigen Großmutter Queen Victoria geprägtes
Verhältnis zu England, das zwischen Anglomanie und Hass auf das
"perfide Albion" wechselte, bringt Röhl in Zusammenhang
mit der labilen psychischen Konstitution des Monarchen. Sich einer
eigenen Meinung über den Geisteszustand des Kaisers enthaltend,
macht er dabei mögliche Ursachen für die Rüpelhaftigkeit
Wilhelms, seinen mutmaßlichen Cäsarenwahn, sein rigoroses
Familienpatriarchat, sein obszönes Interesses am Sexualleben
anderer Regenten et cetera in mangelnder Mutterliebe, körperlicher
Verkrüppelung und erblichen Vorbelastungen deutlich.
Mit seinem episch
breit und mit Liebe zum Detail angelegten erstklassigen Werk -- für
das erstmals die umfangreiche Korrespondenz der Hohenzollernfamilie
mit der Verwandtschaft aus dem englischen Königshaus
Sachsen-Coburg-Gotha erschlossen wurde -- befindet sich John C. G. Röhl
auf dem besten Wege, sich neben seinem Landsmann Ian Kershaw als
weitere führende Koryphäe für Neuere deutsche Geschichte zu
profilieren. |