|

Mental
blockiert
Meinhard Miegel
über den Realitätsverlust in der deutschen
Arbeitnehmergesellschaft
Von
Roland
Detsch
Wo er recht hat, hat
er recht! Es ruhig angehen lassen oder ein Weilchen abseits stehen
ist hierzulande tatsächlich keine Schande; nur das Notwendige
tun, sich bloß kein Bein ausreißen und die Drecksarbeit den Türken
überlassen: eine weit verbreitete Haltung. Lieber mit dem neuen
Wagen in den Urlaub, als das Geld auf die hohe Kante -- man gönnt
sich ja sonst nichts. Und seine Zustimmung zur
freiheitlich-demokratischen Grundordnung auf dem Lohnzettel oder der
Rentenbescheinigung honoriert sehen zu wollen, ist doch legitim.
Unbarmherzig hält uns Meinhard Miegel in seinem Buch Die
deformierte Gesellschaft den Spiegel vor und zeigt, Wie die
Deutschen ihre Wirklichkeit verdrängen.
Aufgegliedert in die
zusammenhängenden Themenfelder "Demographie",
"Sozialstaat", "Wirtschaft und Beschäftigung"
entwirft der Leiter des Instituts Wirtschaft und Gesellschaft in
Bonn -- als provokanter Querdenker gern gesehener Gast in Talkrunden
-- zunächst das Zukunftsszenario einer infolge von Geburtenausfällen
hoffnungslos überalterten Rumpfgesellschaft: atomisierte Egoisten,
die sich menschliche Zuwendung und soziale Einbindung allenfalls
noch erkaufen und ihr Dasein in existenzieller Abhängigkeit von
kinderreichem "Humankapital" fristen, das in
neokolonialistischer Manier aus Entwicklungsländern abgeworben
wurde. Er widerlegt empirisch die allgemein unterstellte Kausalität
von Wachstum und mehr Beschäftigung, räumt mit dem Märchen von
der neuen Armut auf und entlarvt die Deutschen als untüchtige,
elitenfeindliche Arbeitnehmergesellschaft, deren materieller
Wohlstand auf einem Wissens- und Kapitalstock fußt, zu dem die
Wenigsten beigetragen haben. Schließlich nimmt er dem tendenziell
totalitären Sozialstaat den Offenbarungseid ab und stellt der in
Unmündigkeit gehaltenen "Staatsgesellschaft" eine
"dynamische Bürgergesellschaft" entgegen, in der die
Einzelnen und die sie umgebenden Gemeinschaften so viel
Verantwortung wie möglich selbst schultern.
Der CDU-Mann, der die
seltene Gabe besitzt, scheinbar komplexe Sachverhalte von verbalem
Zierrat zu befreien und auf das Wesentliche zu reduzieren, nimmt
kein Blatt vor den Mund. Mit einem gehörigen Schuss Populismus geißelt
er die Perspektiv- und Initiativlosigkeit einer mehrheitlich aus
Beamtentum und Öffentlichem Dienst rekrutierten Klasse politischer
(Re-)Akteure, die sich in einem engen Korsett von Sachzwängen wähnend
immer nur das Nächstliegende ansteuere. Die politisch fehlgeleitete
und desinformierte Gesellschaft sieht er in der Falle und fordert
zur Lösung mentaler Blockaden die unverzügliche Konfrontation mit
den Realitäten -- und zwar "je schonungsloser, desto
besser". Dazu müsste man eigentlich nur sein Buch zur staatsbürgerlichen
Pflichtlektüre machen. |