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In den schlechten alten Zeiten
Margarete Dörr dokumentiert Frauenschicksale im
Krieg und danach
Von
Roland Detsch
Man hat es irgendwie gar nicht
gemerkt, aber eine umfassende Darstellung der Alltags- und
Wahrnehmungsgeschichte der Kriegs- und Nachkriegszeit aus
weiblicher Sicht hat bisher tatsächlich noch gefehlt. Obwohl
es doch gerade die Frauen waren, die zwischen 1939 und
1948/49 die Bürden des Alltags schultern mußten, als die
Männer im Feld standen, an der Front starben, vermißt oder
gefangen waren und nach dem bitteren Ende traumatisiert,
verkrüppelt oder politisch suspekt nicht mehr oder nur
mühsam wieder auf die Beine kamen.
"Wie
haben junge Mädchen und Frauen diesen Krieg und seine
Nachwirkungen selbst erlebt? Wie haben sie sich mit ihren
Erfahrungen auseinandergesetzt?" Die gesammelten
Eindrücke einer bislang überwiegend kontur- und namenlos
gebliebenen Schicksalsgemeinschaft, die die Historikerin
Margarete Dörr aus über 400 Einzelbiographien von
Zeitzeuginnen herausdestilliert hat und auf mehr als 1.500
Seiten ausbreitet, ist Geschichtslektion wie sie sein soll:
profund und lehrreich, lebendig und kurzweilig. Ihr ging es
vor allem um die besonderen Qualitäten des Kriegserlebens
dieser Frauen, Dinge, wie Trennung von den Ehemännern,
familiäre und intime Beziehungen, Partnerschaft und
Sexualität, Warten und Hoffen auf Nachrichten, Evakuierung
und Ausbombung, Flucht und Vertreibung, Besatzung,
Vergewaltigung, Plünderung, Ausquartierung, die Mühsal der
Familienreorganisation, das Leid der Verwitweten,
Alleinerziehenden oder kriegsbedingt Lediggebliebenen.
Dörr
hat sich bei der Auswahl ihrer Gesprächspartnerinnen um eine
ausgewogene Repräsentanz verschiedener sozialer Schichten,
Altersgruppen und Abstammungen bemüht, sich jedoch bewußt
auf Frauen beschränkt, die nicht zu den Opfern oder
Täterinnen des NS-Regimes im engeren Sinne gehörten. Ein
Manko: 50 Jahre nach Kriegsende konnte sie nur noch Frauen
befragen, die bei Kriegsbeginn zwischen 15 und 35 Jahre alt
waren.
Den
Auftakt des Werkes, das von Band zu Band zunehmend
abstrahierend aufgebaut ist, bilden zehn Lebensgeschichten,
denen im Hauptteil kritisch kommentierte Schlaglichter auf Kriegsalltag
und Leben in der Nachkriegszeit folgen, ehe die
Verfasserin dem Verhältnis zum Nationalsozialismus und
zum Krieg auf den Grund zu gehen versucht, wobei sie
überwiegend darauf angewiesen war, interpretierend aus dem
beiläufig Gesagten respektive Gemeinten zu
schöpfen.
Im
Lichte ihres umfassenden Wissens zeichnet Margarete Dörr in
ihrem Werk ein facettenreiches Gesamtbild der Jahre zwischen
1933 und 1948/49, das den Wissenstand auch und gerade der
Generationen der Nachgeborenen beträchtlich zu erweitern
vermag. Besonders ans Herz zu legen ist es den ganz Jungen,
denen es selbst nicht mehr vergönnt war, den ungemein
spannenden, oftmals unglaublichen aber stets wahren
Geschichten ihrer Großmütter zu lauschen.
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